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JAY | ART - Autorenstammtischstories
Schreibergüsse aus dem Stammtisch der Autoren von kreativem Schreiben
by JAY Aufgabe #1
Begegnung im Wald
"Kommst du nun?" - "Nein, auf gar keinen Fall! Ich geh' da nicht lang!" - "Es ist eine Abkürzung! Nur schnell hier durch den Wald. Was ist denn das Problem?" - "Wir wissen doch was geschieht wenn man sich im Wald verirrt." - "Was? Wie alt bist du? Fünf?" - "Der Wald ist verflucht." - "Der mystische, verfluchte Auenwald, einer der, über Jahrhunderte überlieferten Flüche, im Kreise des Bermuda Dreiecks, der Pharaonen und des Testaments. Man sagt, er habe magische Kräfte."
Friedolin greift Kunibert beherzt am Arm und zieht ihn mit sich in den Wald. "Los jetzt, du Abergläubiger!", wirft er Kunibert währenddessen an den Kopf, der sich, völlig überrumpelt, nicht wehren kann. "Hast du sie noch alle am Sträußchen?" brüllt Kunibert, reißt sich los, dreht sich auf dem Fuß wieder um und versucht wieder zum Waldrand hinaus zu laufen. "Hahaha, du solltest dich selbst sehen können! Das sieht sooooo lustig aus, wie du dich abstrampelst, auf der Stelle rennst und nicht einen Schritt vorwärts kommst! Wie in einer Zeitschleife und gegen eine unsichtbare Wattewand." Friedolin kriegt sich kaum ein vor lachen. "Hörst du gefälligst auf zu lachen? Was ist denn das bloß? Das ist doch nicht normal, dass ich hier nicht wieder rauskomme! Ich sagte es ja: verflucht!" - "Ja, ja, dafür wird es eine wissenschaftliche Erklärung geben, beruhige dich. Wir setzen uns jetzt erst einmal hier auf den Baumstamm, atmen tief durch und überlegen in Ruhe was wir tun. Setz dich hier her. Willst du auch ein Bier?" - "Ein Bier? Was stimmt denn nicht mit dir? Wie kannst du denn jetzt ein Bier trinken?" - "Siehst du doch." - "Welche Sorte ist das? Krombacher?" - "Klar! Wir müssen doch, die launisch und überspannt zum Verfluchen neigenden Naturgeister besänftigen, oder? Und, bevor du fragst, hier die werbewissenschaftliche Erklärung: 'saufen für den Regenwald'." - "Ach, was soll's! Ich geb's auf. Gib mir auch eins her. Prost."
Pause
"Ist noch Bier da?" - "Nein, nichts mehr da." - "Naja, ist auch besser so, ich bin eh schon leicht duselig im Kopf." - "Na du verträgst ja gar nichts, ein ganzer Kerl dank Mami." Da sitzen sie nun. Unbemerkt sind bereits Stunden vergangen und im Dunkel des Dickichts tänzelt ein Glühwürmchen herum. "Friedolin, siehst du das Glühwürmchen auch?" - "Ja, Kunibert." - "Oh gut. Und siehst du auch dass es größer wird und näher kommt?" - "Ja, jetzt wo du es sagst." - "Das Glühwürmchen verändert seine Gestalt." - "Ist es eine, ich möchte es nicht laut aussprechen..." Friedolin hält inne. "Eine Elfe!" platzt es aus Kunibert heraus. "Eine Elfe! Ich habe mir schon mein Leben lang gewünscht eine Elfe zu sehen! Fantastisch! Wie schön sie glitzert und strahlt!" - "Elfen gibt es nicht." - "Doch es gibt sie! Schau her: ich tanze mit ihr auf der Lichtung umher! Und jetzt dreht sie sich auf meiner Fingerspitze!" - "Alles Müller, oder was? Wir sollten den Alk aus'm Kopp lassen. Jetzt zieht deine Elfe auch noch einen Schleier aus leuchtenden, regenbogenfarbenen Tropfen um dich herum. Ihr würdet die, kitschigste Spieluhrballerina für verzogene Märchenprinzessinnen, vor Neid zum Hulk werden lassen. Und jetzt, höre ich auch noch eine Melodie und Gesang."
"Viele, viele bunte Smarties." - "Viele, viele bunte Smarties." - "Viele, viele bunte Smarties."
Pause
"Friedolin, komm zu uns rüber und tanz mit uns!" - "Was? Wo kommen denn die Hüpfdohlen auf einmal her? Da ist man mal kurz abgelenkt, sucht nach etwas Kraut das man rauchen kann und schon ist die farben- und paillettenüberfrachtete Bollywood-Apokalypse in Reinform ausgebrochen." - "Ist das net schee?!" - "Mit dir mittendrin statt nur dabei? Ja, das ist net schee!" - "Sei nicht so griesgrämig. Versuche es doch mal! Ui, und sieh her was möglich ist: ich kann fliegen. Die magischen, bunten Seidentücher der Ballerinas tragen mich durch die Luft und die exotischen Tänzerinnen himmeln mich an. Ich bin der glücklichste Mann der Welt!" - "Du bist der vernebelste Mann der Welt!" - "Du siehst sie doch auch." Da muss Friedolin seinem Freund Recht geben: "Man muss uns heimlich Drogen gegeben haben." - "Das ist der Wald. Ich sagte es dir, er ist magisch." Ihm bleibt nichts anderes übrig, er setzt sich, wieder auf den Baumstamm, und, dem augenkrebsverursachenden Anblick aus, bis ihm etwas besseres einfiele.
Pause
"Kunibert, deine Elfe, Kunibert, deine Elfe fliegt um meinen Kopf herum." - "Sie mag dich." - "Sie mag mich, mal kreuzweise." Mit epileptischen Anfällen konkurrierenden Armbewegungen fuchtelt Friedolin wild um sich. "Verschwinde! Sieh zu dass du wegkommst!" - "Sie will dir etwas sagen." - "Etwas sagen? Interessant^^. Also gut, was säuselst du, Elfe?" - "Sind wir nicht alle ein bißchen Bluuuuuuuuuunaaaaaaa?" - "Ein bißchen? Ein bißchen Bluna? Wieviel Bluna muss man sein, um sich in diesem Szenario nicht, vor dem zunehmenden Absterben der Gehirnzellen schützend, selbst in weißer Weste in die Psychiatrie einzuweisen?" - "gaaaanz viel Bluuuuuunaaaaa!" trillert Kunibert vor sich hin. "Ja, Bluuuunaaaa mein Freund, Bluuuuunaaaaa^^
Das war's dann wohl, schlimmer kann es jetzt nach der Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht mehr werden." und sackt in sich zusammen. "Wieso?" - "Weil das Bier alle ist^^"
Pause
Und es kann doch schlimmer werden... "Was wird das denn jetzt? Nein, nein, nein! Haltet gefälligst Abstand! Wehe ihr Tanzpalast-Püppchen kommt mir zu nahe! Macht euer Bolly-Woody-Tanzding mal schön ohne mich weiter!" Friedolin ergreift die Flucht vor der herantribbelnden Schar perfektioniertem Kitschs, wird jedoch abrupt wieder gestoppt. Vor ihm steht eine Gruppe der fleischgewordenen, vertonten, puren Einfältigkeit der Menschheit. "Ach du Scheiße!" schreit er schockiert und dem sicheren Hirntod ins Auge blickend heraus. "Ich bin verloren! Ich komm hier nicht raus! Bin dem ausgeliefert! Ich werde sterben..."
Und durch die Wipfel der Bäume schallt erbarmungslos und schwachsinnig, in high fidelity(!): "Komm mit! Komm mit mir ins Abenteuerland!"